das Wichtigste zuerst
• Lockvogel-Angebote: Die Berliner Fahrschulen „Orange“ und „Jump“ warben gezielt mit Dumpingpreisen von 1.100 Euro, um Vorauszahlungen einzustreichen und kurz darauf den Betrieb einzustellen.
• Ermittlungen wegen Betrugs: Die Generalstaatsanwaltschaft bündelt zahlreiche Anzeigen und prüft zudem den Verdacht der Insolvenzverschleppung durch die untergetauchten Inhaber.
• Verlust des Ausbildungsstands: Da die Geschäftsräume versiegelt sind, fehlen den Schülern notwendige Bescheinigungen, wodurch bereits absolvierte Theorie- und Fahrstunden zu verfallen drohen.
• Geringe Rückzahlungschance: Trotz rechtlicher Schritte stehen die Aussichten auf eine Entschädigung schlecht, da in den betroffenen GmbHs kaum verwertbares Vermögen vermutet wird.

© U. J. Alexander
/ shutterstock.com
Betrug mit Lockvogelpreisen
Die Kosten für den Führerschein erreichen schon seit Längerem Rekordhöhen. Diese angespannte Lage nutzten die Betreiber zweier Berliner Fahrschulen aus und brachten mindestens 127 Kunden um ihre Ersparnisse.
Die Betriebe „Orange“ und „Jump“ in Neukölln hatten mit Paketen für nur 1.100 Euro geworben, obwohl für den Führerschein in der Regel mindestens 3.000 Euro, oft auch mehr, fällig wären. Nach der plötzlichen Schließung der Filialen verschwanden die Inhaber mit dem Geld, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Inzwischen melden sich täglich weitere Betroffene bei der Polizei, um Anzeige zu erstatten.
Verdacht auf gezielte Insolvenzverschleppung
Die bisher erfassten 127 Anzeigen bilden vermutlich nur einen Teil des Gesamtschadens ab. Nach Einschätzung eines Ermittlers liegt die Dunkelziffer weitaus höher. Polizeisprecherin Jane Berndt bestätigte gegenüber der „B.Z.“, dass gegen die Geschäftsführung auch wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung ermittelt wird.
Die Inhaber sollen ihre Betriebe demnach künstlich am Leben gehalten haben, um trotz der absehbaren Pleite noch möglichst viele Zahlungen von Neukunden entgegenzunehmen.
Generalstaatsanwaltschaft ist eingeschaltet
Der Betrug beschäftigt nun auch die Berliner Generalstaatsanwaltschaft. Laut Sprecher Michael Petzold werden dort sämtliche Vorgänge gebündelt bearbeitet, um die Vorwürfe des Betrugs und der Insolvenzverschleppung einheitlich zu verfolgen.
Für die geprellten Kunden ist das plötzliche Verschwinden von „Orange“ und „Jump“ fatal. Neben dem verlorenen Geld ist völlig ungewiss, ob sie bereits absolvierte Theorie- oder Fahrstunden bei einem Wechsel überhaupt anrechnen lassen können.
Das Problem der Nachweise
Normalerweise müssen Fahrschulen den Ausbildungsstand (Theoriestunden und Fahrstunden) dokumentieren und bei einem Wechsel bescheinigen. Da die Büros jedoch versiegelt und die Betreiber unauffindbar sind, kommen die Schüler nicht an ihre Unterlagen.
Für die Betroffenen bedeutet das im schlimmsten Fall, dass sie bei einer neuen Fahrschule nicht nur erneut zahlen, sondern bereits absolvierte Pflichtstunden komplett wiederholen müssen, da sie keine rechtssicheren Belege über ihren Fortschritt vorweisen können.
Betreiber untergetaucht – Anwalt weist Vorwürfe zurück
Die Geschäftsführungen beider Fahrschulen sind untergetaucht und telefonisch nicht mehr erreichbar. Während die Website von „Jump“ bereits gelöscht wurde, meldete sich nach Erscheinen des Berichts ein Anwalt für „Orange“ zu Wort und wies alle Anschuldigungen zurück.
Seiner Darstellung zufolge seien Diebstähle von Tresoren und Kassen sowie massives Fehlverhalten von Mitarbeitern für die finanzielle Notlage verantwortlich. Eine vorsätzliche Schließung des Betriebs habe man zu keinem Zeitpunkt geplant.
Geringe Chancen auf finanzielle Entschädigung
Für die Betroffenen stellt sich nun vor allem die Frage, ob sie ihr verlorenes Geld jemals wiedersehen werden. Doch selbst wenn die Ermittlungen wegen Leistungsbetrugs erfolgreich verlaufen, ist eine Rückzahlung damit noch lange nicht garantiert.
Den geprellten Fahrschülern bleibt rechtlich nur die Möglichkeit, die Insolvenzverfahren abzuwarten und sich dort in die Gläubigerliste einzutragen. Falls in den als GmbH geführten Firmen überhaupt noch Vermögen existiert, wird dieses zwar aufgeteilt, doch die Aussichten auf eine nennenswerte Summe sind minimal.
Quellen
B.Z. Berlin, „Hunderte Schüler um Führerschein und Geld gebracht“
Berliner Kurier, „Fahrschulpleite in Berlin: Hunderte fürchten um ihr Geld“
Weitere News!
Betrügerische Fahrschulen: Wie hunderte Schüler in Berlin um Geld und Fahrstunden gebracht wurden
So viel zur Verkehrssicherheit: „Super-Blitzer“ in Friedberg wird zur Unfallursache
Für alle Neuwagen: Diese vier Assistenzsysteme sind ab Juli Pflicht