das Wichtigste zuerst
• Virale Spekulationen: Auf Plattformen wie TikTok wird reichweitenstark behauptet, dass Benzin und Diesel an deutschen Tankstellen manipuliert oder gestreckt seien.
• Klare Experten-Absage: Der ADAC und Tankstellenverbände stufen diese Gerüchte als unbegründet ein, da keinerlei konkrete Verdachtsfälle oder Hinweise auf Manipulationen vorliegen.
• Fehlende Schadensmeldungen: Da moderne Motoren extrem empfindlich auf verunreinigten Sprit reagieren, müssten bei echtem Betrieb flächendeckend Motorschäden und Werkstattmeldungen auftreten, was nicht der Fall ist.
• Ergebnislose Behörden-Checks: Staatliche Kontrollen und Laboranalysen in Bundesländern wie NRW, Bayern und Brandenburg haben bei aktuellen Proben keinerlei Abweichungen von den Normen festgestellt.
• Strikte Rechtslage: Durch die 10. Bundes-Immissionsschutzverordnung und geschlossene Logistikketten ist das Inverkehrbringen minderwertiger Kraftstoffe streng untersagt und aufgrund hoher strafrechtlicher Risiken faktisch ausgeschlossen.

© TobiasTropper / shutterstock.com (Symbolbild)
Die Suche nach dem Spritpreis-Sündenbock
Angesichts der teils drastischen Preissteigerungen für Benzin und Diesel ist die Geduld vieler Autofahrer aktuell am Ende. Die Suche nach Schuldigen und Hintergründen wird beinahe täglich neu entfacht – besonders in den sozialen Netzwerken. In diesem Umfeld verbreiten sich jedoch schnell gefährliche Falschinformationen, die über den bloßen Preisfrust hinausgehen.
In ihren Postings behaupten prominente Accounts etwa, der Kraftstoff an deutschen Zapfsäulen sei manipuliert. Den Verbrauchern wird suggeriert, sie erhielten an den Zapfsäulen lediglich minderwertige Ware. Experten weisen diese Behauptung jedoch entschieden zurück.
ADAC: „Kein Verdacht auf gestreckten Kraftstoff“
„Wir haben keine Fälle vorliegen, bei denen es den Verdacht gibt, dass Kraftstoff gestreckt wurde“, so der ADAC auf Anfrage der dpa. Der Konzern vertritt rund 22 Millionen Mitglieder. Unterstützt wird diese Einschätzung durch die Tatsache, dass moderne Motoren äußerst empfindlich auf minderwertigen Sprit reagieren würden. Wäre der Kraftstoff tatsächlich mit Wasser oder billigen Lösungsmitteln versetzt worden, hätte dies sofort eine Welle von Motorschäden und entsprechenden Werkstattmeldungen zur Folge gehabt.
Bundesverband der freien Tankstellen gibt Entwarnung
Auch vonseiten der freien Anbieter gibt es eine klare Absage an die viralen Spekulationen: Dem Bundesverband Freier Tankstellen und Unabhängiger Deutscher Mineralölhändler (bft), welchem nach eigenen Angaben mehr als 2.800 Tankstellen in Deutschland angehören, „liegen aktuell keinerlei Erkenntnisse über gestreckte Kraftstoffe an deutschen Tankstellen vor“, wie Hauptgeschäftsführer Daniel Kaddik gegenüber der dpa betont. „Ebenso gibt es keine Hinweise auf eine Häufung von Fahrzeugschäden, die auf minderwertige Kraftstoffe zurückzuführen wären.“
Bundesländer überwachen Kraftstoffqualität
In Deutschland ist die Kontrolle der Kraftstoffe an den Zapfsäulen rechtlich den Bundesländern übertragen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen liegt die fachliche Aufsicht beispielsweise beim Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr. Um eine gleichbleibende Qualität zu gewährleisten, werden laut dem Ministerium der dpa jährlich rund 200 Kraftstoffproben an öffentlich zugänglichen Tankstellen entnommen.
Keine Anhaltspunkte in Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Brandenburg
„Bei den bisher ausgewerteten Proben in diesem Jahr liegen uns keine Hinweise auf Manipulationen vor“, erklärt ein Sprecher. Dieser Prozess folgt einem strengen Protokoll. Die Proben werden von den unteren Immissionsschutzbehörden der Kreise und kreisfreien Städte entnommen und anschließend in einem spezialisierten Labor analysiert. Dabei werden zahlreiche Parameter untersucht: 29 beim Ottokraftstoff und 19 beim Dieselkraftstoff.
Auch in Bayern und Brandenburg gibt es keine Belege für die kursierenden Gerüchte. So teilte das Bayerische Landesamt für Umwelt der dpa mit, dass bei der Kontrollkampagne im Februar keine Auffälligkeiten bei den Kraftstoffproben festgestellt wurden. Ähnlich sieht es in Brandenburg aus. Weder dem zuständigen Landesamt (LAVG) noch dem Umweltministerium liegen Erkenntnisse über angeblich gestreckten Sprit vor.
„Unbegründet und irreführend“: Tankstellenverband weist Gerüchte zurück
Laut Hauptgeschäftsführer Kaddik stuft der Tankstellenverband bft die Spekulationen über eine verminderte Spritqualität daher als „unbegründet und irreführend“ ein. Die Vorwürfe in den sozialen Medien entbehrten „jeder belastbaren Grundlage“ und würden die Kunden verunsichern, „ohne auf überprüfbaren Fakten zu basieren“.
Zudem verweist der Verbandschef darauf, dass Kraftstoffe in Deutschland strengen gesetzlichen Vorgaben unterliegen. Eine lückenlose Überwachung von der Raffinerie bis zur Zapfsäule stellt sicher, dass die Standards überall eingehalten werden. Die Verbraucher könnten sich daher darauf verlassen, dass die Qualität unabhängig vom jeweiligen Anbieter einheitlich sei. Das Beimischen anderer Flüssigkeiten sei durch geschlossene Systeme und ständige Prüfungen sowie die drohenden rechtlichen Konsequenzen faktisch unmöglich.
Warum minderwertiger Kraftstoff illegal ist
So dürfen Kraftstoffe hierzulande nur in Verkehr gebracht werden, wenn sie die gesetzlichen Anforderungen erfüllen. Die 10. BImSchV (Bundes-Immissionsschutzverordnung) regelt unter anderem Beschaffenheit, Kennzeichnung, Nachweisführung und Überwachung von Kraftstoffen. Für Dieselkraftstoff verweist die Verordnung ausdrücklich auf die geltenden Qualitätsanforderungen, die beim Inverkehrbringen einzuhalten sind.
Quellen
Süddeutsche Zeitung / dpa: Sprit an der Tanke gepanscht? Experten entkräften Gerüchte
Gesetze im Internet, § 4 10. BImSchV
LAVG Brandenburg, Kraft- und Brennstoffe
Umwelt NRW, Kraftstoffqualität
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