Der automatisierte Tempolimit-Assistent der EU sorgt für Diskussionen. Die Befürchtung: Durch die Anbindung der Fahrzeuge an Satelliten könnten Geschwindigkeitsbegrenzungen ohne Billigung des Fahrers durchgesetzt werden.
das Wichtigste zuerst
- Brüssel diskutiert Speed Assistant: Berichten zufolge prüft die EU-Kommission eine Regelung, nach der Neuwagen ab dem Jahr 2030 mithilfe von GPS, 5G und Kameras ihren Standort ermitteln und bei Überschreitungen automatisch die Geschwindigkeit reduzieren.
- Kurzes Übersteuern im Notfall: Um Ausweich- oder Gefahrenmanöver zu ermöglichen, soll die Tempobremse laut Berichten für ein kurzes Zeitfenster manuell übersteuert werden können.
- Vorbild E-Scooter: Bei E-Scooter-Anbietern wie Lime kommen GPS-gestützte Tempobegrenzungen in festgelegten Zonen bereits erfolgreich zum Einsatz.
- Kritik an Systemfehlern und EU-Tests: Fachleute warnen vor Fehlauslösungen, da Assistenzsysteme bei einzelnen Verkehrsschildern teils in jedem vierten Fall versagen.
- Stand der Gesetzgebung: Während reine ISA-Warnsysteme seit Juli 2024 Pflicht sind, handelt es sich bei der aktiven Tempobremse derzeit noch um frühe, unverbindliche Vorschläge in EU-Gremien.

© Marko Rupena / shutterstock.com (mit KI bearbeitet)
Kontrolle statt Sci-Fi: Wie die EU künftig Tempolimit durchsetzen möchte
Im Jahr 2026 ankommen? Da wird sich so manch einer fragen: Wo bleiben eigentlich die fliegenden Autos aus den Sci-Fi-Klassikern der 80er und 90er-Jahre? Zurück in die Zukunft lässt grüßen. Statt schwebender Skateboards, Jetpacks oder einem Himmel voller Flugtaxis hat uns die Tech-Zukunft jedoch etwas völlig anderes gebracht: digitale Zügel aus der EU.
Geschwindigkeitsüberschreitungen und ihre Folgen sind schon seit geraumer Zeit Thema in Brüssel. Laut Angaben der EU-Kommission steigt mit jedem zusätzlichen km/h das Unfallrisiko. Überschreitet man auf der Autobahn ein Tempo von 120 km/h, steigt die Gefahr eines Unfalls um zwei Prozent pro zusätzlichen Stundenkilometer. Innerorts sind es bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h sogar vier Prozent. Dennoch überschreiten schätzungsweise 40 bis 50 Prozent aller Fahrer regelmäßig das Limit, im Schnitt sogar um zehn km/h. Doch damit könnte künftig Schluss sein.
Ab 2030: Satellitenüberwachung und automatische Drosselung
Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung The Telegraph arbeitet die EU-Kommission aktuell an einer neuen Regelung für künftige Fahrzeuge. Demnach sollen Neuwagen ab dem Jahr 2030 mit einem Spezialgerät ausgestattet werden, das eine Verbindung zu Satelliten im All herstellt. Mithilfe dieser Technik lässt sich der exakte Standort des Fahrzeugs punktgenau ermitteln. Dabei belässt es die EU jedoch keineswegs bei der bloßen Standortbestimmung, auf die heute ohnehin schon jede Smartphone-App zugreift.
Der geplante Funktionsumfang reicht deutlich tiefer: Das System kombiniert 5G-Signale für den Abgleich auf einer digitalen Karte mit Kameras am Fahrzeug, welche Straßenschilder scannen. Nähert sich ein Auto beispielsweise mit 85 Kilometern pro Stunde einem Ortseingang mit Limit 50, registriert die Elektronik das und regelt das Tempo automatisch herunter.
So reagiert das System in Gefahrensituationen
Welche tatsächlichen Folgen eine solche Drosselung während der Fahrt für die Verkehrssicherheit hätte und ob diese dann noch mit einem Warnhinweis (wie etwa: „Sie wurden gedrosselt, powered by Europäische Union”) einhergeht, darüber lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt nur spekulieren.
Durch den Zugriff der Speed-Assistant-Software würde dem Fahrzeugführer jedenfalls ein großes Stück Kontrolle entrissen. Ist es dann überhaupt noch möglich, über das Tempolimit hinaus zu beschleunigen, etwa um eine Unfallsituation zu entschärfen? Laut The Telegraph soll dies innerhalb eines kurzen Zeitfensters möglich sein, bevor die Software das Fahrzeug wieder automatisch herunterregelt.
E-Scooter werden bereits automatisch gedrosselt
Wie die UK-Tageszeitung Daily Mail berichtet, existieren derartige Systeme längst in der Praxis, etwa bei den E-Scootern von Lime. Sobald die elektrischen Tretroller einen Bereich mit Tempolimit erreichen, wird die Geschwindigkeit automatisch gedrosselt. Die Erkennung funktioniert dabei ebenfalls über GPS-Satelliten. Befürworter versprechen sich von der Verordnung, dass die Zahl der tödlichen Unfälle aufgrund von erhöhten Geschwindigkeiten deutlich reduziert wird.
Nur 74,3 Prozent Genauigkeit: Warum Kritiker vor der GPS-Bremse warnen
Doch nicht jeder teilt diese Zuversicht und dieses Vertrauen in technische Systeme. So erklärte Hugh Bladon von der Interessengruppe Alliance of British Drivers der Daily Mail:
„Das System muss absolut unfehlbar sein – und das wird nie der Fall sein. Ich habe ein Auto, das ein Jahr alt ist. Jedes Mal, wenn ich eine bestimmte Straße außerhalb meiner Stadt entlangfahre, denkt es, hier wäre ein Limit von 30 Meilen pro Stunde, obwohl es 50 Meilen pro Stunde sind. Wenn diese wundervolle Technologie mich plötzlich auf 30 Meilen pro Stunde herunterbremst, was passiert mit dem Fahrer hinter mir?“
Auch das Forschungsinstitut Thatcham Research warnt vor ISA-Systemen (Intelligent Speed Assistance). Die EU prüft bisher nämlich nur die gesamte Strecke: Wenn ein Auto über eine Strecke von zehn Kilometern auf der Autobahn das richtige Tempolimit anzeigt, gilt das System schon als hochpräzise. Werden jedoch gezielt die einzelnen Tempowechsel bewertet, also jedes neue Verkehrsschild, lag das schlechteste System im Test nur in 74,3 Prozent der Fälle richtig. Bei jedem vierten Schild lag die Software somit daneben.
Wie realistisch die Pläne der EU wirklich sind
Seit dem 7. Juli 2024 müssen alle in der EU neu zugelassenen Fahrzeuge verpflichtend mit einem Tempoassistenten (ISA-System) ausgestattet sein. Doch diese reine Warnfunktion geht einigen EU-Politikerinnen und -Politikern offenbar noch nicht weit genug. Deshalb prüfen verschiedene EU-Gremien derzeit, ob und wie eine automatische Drosselung technisch und rechtlich umgesetzt werden könnte. Bei diesen Überlegungen handelt es sich allerdings bislang nur um unverbindliche Vorschläge, die noch das gewöhnliche Gesetzgebungsverfahren durchlaufen müssen.
Quellen
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